Fantasy,  Rezensionen

Otherland gets you!

Unter diesem Slogan wurde Tad Williams Otherland – Zyklus bei uns eingeführt. Das ist zwar schon eine ganze Weile her, was der Genialität dieses Werkes aber keinen Abbruch tut.
Nach wie vor zählt es zu meinen ganz persönlichen Highlights des Genres und hat in meinem Bücherregal einen Ehrenplatz. Ich möchte es euch nicht vorenthalten.

Schon der Klappentext liest sich vielversprechend:

»Ende des 21. Jahrhunderts: Die reichsten und mächtigsten Männer und Frauen haben ein gigantisches Netzwerk geschaffen. In dieser virtuellen Welt wollen sie sich den ältesten Menschheitstraum erfüllen: das ewige Leben. Gleichzeitig fallen überall auf der Welt Kinder in ein rätselhaftes Koma. Nur wenige Menschen erkennen einen Zusammenhang zwischen dem Netzwerk und dem Zustand der Kinder. Eine Gruppe von Abenteurern macht sich auf, um das Geheimnis von Otherland zu ergründen und begibt sich damit in ungeahnte Gefahren.«

Das ist wirklich nur der allerkleinste Nenner, denn der Otherland-Zyklus beinhaltet so vieles mehr.

Bereits bei der Festlegung des Genres wird es schwierig: Ein Fantasy – Krimi – Thriller im Computerzeitalter mit philosophischen und sozialkritischen Komponenten und einem ordentlichen Schuss Verrücktheit, so könnte man vielleicht sagen.

Worum gehts im ersten Band?

Zu Anfang wird man völlig unvermittelt in ein Szenario des Ersten Weltkriegs geschubst, direkt an die Seite eines Mannes, der unter totalem Gedächtnisverlust leidet und keine Ahnung hat, wo er sich befindet oder wie er überhaupt hierhergelangt ist. Lediglich an seinen Namen erinnert er sich: Paul Jonas.
In ziemlichem Tempo wechselt Paul dann von einer Realität in die nächste, jede davon so bizarr, dass es sie gar nicht geben dürfte. Er wird dabei von zwei furchterregenden Gestalten gejagt, die er weder kennt, noch von denen er weiß, was sie eigentlich von ihm wollen.

Nur keine Panik!

Dieser zwanzigseitige Einstieg bietet einen ersten Vorgeschmack auf Otherland, was einen dort erwartet und was darin alles möglich ist.
Keine Sorge und nicht erschrecken, wenn man zu diesem Zeitpunkt noch absolut nichts versteht. Man kann sich guten Gewissens auf die Story einlassen und dem Autor vertrauen, er weiß, was er tut. Versprochen!

Danach wechselt der Fokus in die Realität des 21. Jahrhunderts, an die Seite von Renie Sulaweyo. Sie ist Dozentin für Virtualitätstechnik und vertritt bei ihrem kleinen Bruder Stephen die Mutterrolle.
Wie alle Kinder ist Stephen begeistert vom weltweiten Kommunikationswerk, dem Netz, und verbringt darin fast all seine Zeit.
Als er dabei in die Fänge eines geheimnisvollen virtuellen Nachtclubs gerät, schafft es Renie nur mit Mühe und der Hilfe ihres neuen Studenten !Xabbu, einem Buschmann, dem die moderne Technik eigentlich vollkommen fremd ist, ihren Bruder im letzten Moment zu retten.

Doch Stephen, von allem Verbotenen magisch angezogen, geht ein weiteres mal dorthin. Bevor Renie abermals eingreifen kann, liegt er im Koma. Die Ärzte können sich das nicht erklären, doch Renie ist sicher, dass ihm online etwas zugestoßen ist. Und Stephen ist kein Einzelfall, auf der ganzen Welt fallen plötzlich Kinder aus unerklärlichen Gründen ins Koma und können nicht mehr daraus hervorgeholt werden.

Reni und !Xabbu beginnen nun, auf eigene Faust zu ermitteln. Je mehr sie in Erfahrung bringen, desto klarer wird es, dass sie einer ungeheuerlichen Verschwörung auf der Spur sind und jede Einmischung sehr schnell tödlich enden kann.
Doch sie geben nicht auf und machen sich an der Seite einiger Mitstreiter auf eine so eigenartige wie gefährliche Reise in die Tiefen von Otherland, wo die Lösung der ganzen Rätsel verborgen sein muss …

Soweit der Beginn des ersten Bandes, Stadt der goldenen Schatten. Die Handlung setzt sich dann in drei weiteren Bänden mit ähnlich starkem Umfang fort, bevor alles aufgelöst wird und wirklich alle Enden stimmig verknüpft werden.

Einige der Hauptdarsteller:

  • Renie Sulaweyo:
    Sie will zunächst nur ihren Bruder retten. Doch die bizarre Geschichte, in die sie dabei hineingerät, macht ihr schnell klar, dass sie auf etwas gestoßen ist, was weder sie noch sonst ein Mensch jemals hätte entdecken dürfen.
  • !Xabbu:
    Er ist wohl der letzte noch lebende australische Buschmann und kam eigentlich in die Stadt, um zu lernen, wie die alten Traditionen seines Stammes bewahrt werden können. Mit ‚dem Herz eines Dichters und der Seele eines Schamanen’ ist er auf seine eigene Art ein Held – und einer von Renies Begleitern auf ihrer Reise in eine albtraumhafte Welt.
  • Orlando Gardiner:
    Ist erst vierzehn Jahre alt und im wirklichen Leben todkrank ans Bett gefesselt. Die Virtuality ist die einzige Möglichkeit, in der er sich frei bewegen kann. Dort ist er Thargor, der Barbar. Bis er sich einer sehr reellen Gefahr stellen muss. Für ihn beginnt damit ein Wettlauf gegen die Zeit.
  • Paul Jonas:
    Er ist irgendwie verlorengegangen und irrt nun zwischen Raum und Zeit umher. Dabei wird er von zwei furchtbaren Gestalten verfolgt, denn Paul besitzt ein Geheimnis, das die Welt retten kann. Unglücklicherweise hat er es vergessen.
  • Osiris:
    Ist der älteste Mensch der Erde – und der Schöpfer von Otherland. Er würde alles und jeden dafür opfern, sein Lebenswerk zu vollenden: Das Gralsprojekt.
  • Dread:
    Ein psychopathischer Mörder – und außerdem Osiris’ treuer Handlanger und Mann für alle Schmutzarbeit. Allerdings hat Dread mittlerweile längst eigene Pläne.
  • Christabel:
    Ein kleines Mädchen stolpert zufällig über ein großes Geheimnis. Dieses soll nicht nur ihr Leben verändern, sondern auch das der ganzen Menschheit.
  • Beezle Bug:
    Ist eine Software und spricht wie ein Gangster aus dem Chicago der 30er Jahre. Er findet den Zugang zu Otherland.
  • Herr Sellars:
    Er weiß mehr über Otherland als jeder andere und hält damit das Schicksal der Menschheit in seinen Händen

Als erfahrener Fantasy-Autor kann Tad Williams auch mit Seitenzahlen von 900+ ohne Probleme umgehen, ein Talent, was ihm bei einem ehrgeizigen Projekt wie diesem sehr zugutekommt.
Dabei gelingt ihm zudem das Kunststück, einen höchst komplexen Plot mit zahlreichen Handlungssträngen und ebensovielen Figuren anschaulich und übersichtlich darzustellen und gleichzeitig ein relativ hohes sprachliches Niveau zu halten.

Die Handlung selbst ist zwar extrem vielschichtig, aber völlig logisch aufgebaut, klar umrissen und immens spannend erzählt. Auch die Charaktere werden dem gerecht, die sehr lebendig und glaubhaft agieren, und bei deren Schicksal man mitfiebert.

Für wen eignet sich dieses Buch?

Der Otherland – Zyklus ist ein (wahrscheinlich gar nicht mehr so geheimer) Geheimtipp für alle Fantasyfans, die komplexe und etwas anspruchsvollere Unterhaltung mögen, gerne auch mal abseits des Mainstreams unterwegs sind und sich nicht von gewaltigen Seitenzahlen abschrecken lassen.
Qualitativ hochwertig, doch trotzdem gut und einfach zu lesen, man hat keinerlei Schwierigkeiten, der Handlung zu folgen. Der Plot bietet einen hohen Unterhaltungswert und gleichzeitig zahlreiche intelligente Denkanstöße, und es macht einfach Spaß.

Tad Williams: Der Otherland – Zyklus

Band 1: Stadt der goldenen Schatten, gebundene Ausgabe : 919 Seiten, ISBN-13 : 978-3608934212
Band 2: Fluss aus blauem Feuer, gebundene Ausgabe : 781 Seiten, ISBN-13 : 978-3608934229
Band 3: Berg aus schwarzem Glas, gebundene Ausgabe : 813 Seiten, ISBN-13 : 978-3608934236
Band 4: Meer des silbernen Lichts, gebundene Ausgabe : 1070 Seiten, ISBN-13 : 978-3608934243

Alle erschienen bei Klett-Cotta als Hardcover, broschiert und mittlerweile auch als EBook.

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