Shortstories

Harriet lächelt

Wenn da nicht diese große, schwarze Schiefertafel gewesen wäre, die in ihrer Küche an der Wand über der Anrichte dräute wie eine zweidimensionale Gewitterwolke.
An sich war an großen schwarzen Schiefertafeln nichts auszusetzen, sie können sogar recht praktisch sein. Das Problem war vielmehr das, was sie repräsentierte.
Diese Tafel war, wie könnte es auch anders sein, Harolds Idee gewesen, ein Einfall, der ihn mit besonderem Stolz erfüllte und der in seinen Augen den Erfolg ihrer wunderbaren Ehe ausmachte.

Harold war zwar durch und durch Künstler, doch hatte er seinen Sinn für praktische Dinge nicht verloren. Alles musste harmonisch, übersichtlich, geordnet und vor allem nachvollziehbar sein. Besonderes Gewicht legte er dabei auf das Prinzip von Ursache und Wirkung.
Nun stellte aber eine Ehe, mochte sie auch noch so perfekt verlaufen, eine permanente Gefahr für all diese Werte dar: Partnerschaften neigten gerne zur Irrationalität, zu Chaos und zu gefühlsmäßigen Ausbrüchen, die kein vernünftig denkender Mensch nachvollziehen konnte. Es gab Auseinandersetzungen wegen der nichtigsten Anlässe und am schlimmsten war es, wenn beide Partner gleichzeitig der Ansicht waren, in wichtigen Punkten das Sagen zu haben – und sich dann entsprechend benahmen.
All das hatte Harold zu einem konsequenten Ehegegner gemacht, bis zu dem Tag, an dem er erstens die großartige Idee mit der Schiefertafel gehabt und zweitens, in Harriet die dazu passende Frau gefunden hatte.

Als sie sich auf einer Ausstellung kennen gelernt hatten, war Harriet ein wenig verhuscht gewesen, eine Frau ohne nennenswertes Selbstbewusstsein. Jedoch gesegnet mit Liebe zur Kunst und einem ausgeprägten Sinn für alles Ästhetische.
Ihr Äußeres wirkte eher farblos, unscheinbar im Sinne von etwas Unfertigem. Ein Rohdiamant, dem nur die erfahrenen Hände eines Meisters den nötigen Schliff zu geben brauchten, damit er in wunderbarem Glanz erstrahlen würde.
Sie erschien Harold wie das lebendige Pendant zu einem seiner Lehmklumpen: Formlos, grau und unansehnlich, doch sobald er ihm Leben eingehaucht und ihn zurechtmodelliert haben würde, würde er ein unverwechselbares Kunstwerk darstellen.
Mit ihr, so entschied Harold, könnte er es riskieren, sie bedeutete keine Gefahr für sein Bedürfnis nach Ordnung, nach Kontrolle und Überschaubarkeit und dafür liebte er sie von ganzem Herzen.

So geschah es dann auch, Harriet wurde Harolds Frau, wurde unter seinen Händen zur hübschen, genügsamen, stetes so sanften und deshalb allseits bewunderten Ehefrau.
Anfangs war sie überzeugt, das große Los gezogen zu haben. Harold war klug, war tatkräftig und immer nett zu ihr. Ihre mangelnde Entschlusskraft störte ihn nicht, im Gegenteil, er nahm ihr selbstverständlich alle lästigen Dinge ab. Er verlangte auch nicht viel von ihr, ihr oblagen lediglich die Haushaltspflichten – und sie musste natürlich in der Öffentlichkeit stets an seiner Seite sein.

Obwohl Harold seine Frau gerne mit dem Klumpen Lehm verglich, den er so erfolgreich geformt hatte, musste er für ihre Umwandlung andere Werkzeuge anwenden. Er konnte schlecht auf der Drehscheibe ihre wenigen Kanten glatt schleifen, und der Brennofen kam natürlich auch nicht in Frage. Diesen Zweck erfüllte – die große, schwarze Schiefertafel, die er am ersten Tag ihrer Ehe in der Küche an die Wand montiert hatte.
Harriet hatte sie zuerst etwas irritiert betrachtet, erschien sie ihr doch ziemlich unhandlich, um als Einkaufsliste oder Notizblock zu dienen.
Doch dann hatte ihr Harold sehr geduldig auseinandergesetzt, was es damit auf sich hatte.

»Diese Tafel«, so dozierte er mit stolzbebender Stimme, »wird das Barometer für den Zustand unserer Ehe.«
Er erntete einen weiteren verständnislosen Blick.
»Schau Liebes, ich bin für klare Verhältnisse und jeder soll zu jeder Zeit wissen, woran er ist.« Er nahm ein Stück Kreide und begann, eine Art Tabelle auf den schwarzen Untergrund zu malen. In die vorderste Spalte kam das heutige Datum, in die daneben wurde mit grüner Farbe die Zahl 500 eingetragen. Die beiden restlichen Spalten blieben leer.
Harriet versuchte nach wie vor vergeblich, hinter den Sinn des Ganzen zu kommen. »Wofür stehen diese 500?«, wagte sie zu fragen. »Und was haben die mit dem heutigen Tag zu tun?«
Ein zärtliches Lächeln umspielte Harolds Mundwinkel. »Heute ist der erste Tag unserer Ehe und du bekommst 500 Pluspunkte dafür, dass du mich geheiratet hast.«
»Aha.« Sie nickte verstehend, wenn es ihr auch etwas eigenartig erschien. Doch da sie über keinerlei Erfahrung in Sachen Partnerschaften verfügte, wunderte sie sich nicht allzu sehr.

»Das Ganze funktioniert folgendermaßen«, erklärte Harold weiter. »Jedes Mal, wenn du etwas tust, was mir gefällt, bekommst du Pluspunkte gutgeschrieben. Wenn du etwas machst, was ich nicht so gut finde, werden natürlich Punkte abgezogen.« Er wies auf die noch leere Spalte neben den 500. »Die werden dann hier eingetragen, in roter Farbe. »In die letzte Spalte kommt dann der Übertrag, der Tagesstand also. Je nachdem, ob du im Plus oder im Minus liegst, wird er in Rot oder Grün notiert.«
Harriet nickte erneut, das System erschien ihr soweit verständlich. »Aber wofür sind die ganzen Punkte?«, wollte sie dann wissen. »Ich meine, was bekomme ich dafür?«

Harold war begeistert, dass seine Frau sich so bereitwillig damit auseinandersetzte. »Für die Pluspunkte werde ich dir deine Wünsche erfüllen. Wenn du etwas Größeres haben möchtest, kannst du sie dir natürlich auch aufsparen, bis du die nötige Punktzahl erreicht hast.«
»Das ist ja wie ein Payback-System!« Harriet freute sich, denn damit kannte sie sich aus. Dann stutzte sie. »Aber was ist, wenn ich mal im Minus liege?«
»In diesem Fall sehe ich mich leider gezwungen, dir etwas zu streichen, was dir Freude gemacht hätte.« Harold lächelte beruhigend über ihren besorgten Gesichtsausdruck. »Anderenfalls würde ein reines Belohnungssystem ja keinen Sinn machen. Aber sorge dich nicht, ich bin überzeugt, dass das praktisch nie der Fall sein wird.«

Harriet strich sich mit einer fahrigen Handbewegung durch die Haare. Dabei stieß sie versehentlich mit dem Ellenbogen ihre Kaffeetasse vom Tisch und das zarte Porzellan zerschellte auf den Küchenfliesen.
Harolds Augenbrauen wanderten hinauf bis zum Haaransatz. »Siehst du, das gehört zu den Dingen, die ich nicht sonderlich schätze. Das Geschirr war teuer und sollte achtsam behandelt werden.« Er erhob sich, schritt zur Tafel und notierte in die bisher leere Spalte: »Eine zerschlagene Tasse, das macht 10 Minuspunkte.« Mit hässlichem Quietschen zog die rote Kreide ihren erbarmungslosen Strich über den Schiefer, ein Geräusch, das Harriet im Laufe der Zeit noch hassen lernen sollte.
»Es tut mir so leid«, sagte sie und fühlte sich, als hätte sie ein Verbrechen begangen.

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