Warum ein tolles Cover eben doch nicht alles ist.
Ein brandneuer Fantasyschmöker mit über 1200 Seiten? Genial, da musste ich unbedingt einen näheren Blick drauf werfen, ich liebe solche hochvoluminösen Wälzer.
Auch das Cover fand ich sehr gut gelungen und toll aufgemacht, wenn jetzt noch der Inhalt hält, was die Sache verspricht, ist es gekauft.
Glücklicherweise gibts beim ‘großen A’ die Möglichkeit der Leseprobe, die etwa 10% eines Werkes ausmacht. Bei gut 1200 Seiten ist das eine ordentliche Menge Lesestoff, ausreichend, um sich ein Urteil zu bilden und eine Kaufentscheidung fällen zu können.
Also heruntergeladen und losgelegt.
Überschrieben ist das Ganze als ‚düstere Fantasy mit einer epischen Liebesgeschichte‘. Na ja, nicht so wirklich meins, und mir schwante schon Schreckliches, aber man kann der Sache ja mal eine Chance geben.
Die Handlung in aller Kürze:
Die Protagonistin, letzte Überlebende des Widerstands aus irgendeinem Krieg, vergessen in Gefangenschaft. Durch Zufall gerät sie in die Hände des erbarmungslosen sozusagen – Geheimdienstchefs. Eingesperrt auf seinem eisernen Anwesen versucht sie, die letzten Geheimnisse des Widerstands zu wahren, während er versucht, mit alchemistischer Gewalt in ihren Kopf einzudringen.
Schon jetzt ist absehbar, dass sich die ‚epische Liebesgeschichte‘ früher oder später zwischen diesen beiden entwickeln wird, also eine Täter-Opfer-Beziehung. In meinen Augen ein mehr als heikles Thema, was ich immer verdammt problematisch finde.
Das Umfeld, in dem sich die Handlung abspielt, ist schon mal so richtig zum Abgewöhnen. Von Anfang an geht es um Folter und Tod, Hinrichtungen, Grausamkeiten aller Art, Menschenversuche mit Zuchtprogrammen, untoten Leichen und so einiges mehr, zum Teil richtig schön ausführlich beschrieben.
Appetizer gefällig? So wurde ein toter General wiedererweckt und gezwungen, seine Frau umzubringen, indem er Teile aus ihrem Körper herausschnitt und verspeiste. Mahlzeit.
Angeblich zieht sich dieser Stil weiter durch das gesamte Buch.
Echte Spannung kommt nicht wirklich auf und wird lediglich durch neue Scheußlichkeiten zu erzeugen versucht, denn viel anderes passiert da nicht und ist im Grunde eher langweilig.
Zur ‚Auflockerung‘ gibts dafür immer wieder längere Abschnitte über die dortigen Verhältnisse, wo man diverse Namen, Begriffe und Sachverhalte geballt an den Kopf geknallt bekommt. Infodump wie er im Buche steht, ohne Glossar ist man ziemlich chancenlos.
Die ständigen Treffen von Helena und Kaine laufen jedes Mal nach Schema F ab, ihre Welt gerät in einer Tour ins Wanken und sie taumelt am Rande einer Ohnmacht herum, während er andauernd kreidebleich wird. Ein sehr uninspirierter Schreibstil, Klischees an jeder Ecke und Figuren, die so hölzern und flach agieren, dass sie ähnlich leblos wirken wie die ganzen wiedererweckten Leichen – all das zusammen spricht eigentlich nur für ein mieses Buch. Zuklappen, vergessen, gut is.
Ich hätte damit auch kein Problem, wenn es nur um eine extrem handlungsarme Aneinanderreihung von Gewalt und Grausamkeiten gehen würde, wer sowas mag, bitteschön.
Das Problem liegt in meinen Augen in der Botschaft, die es vermittelt: Lass dich physisch und psychisch bis zum Anschlag quälen, denn darin findet sich die große Liebe. Kaine ist sexy, auf eine dunkle Weise umwerfend gut aussehend, skrupellos, grausam und manipulativ, aber er will das alles ja eigentlich gar nicht, er ist unglücklich in seiner Ehe, und im Geheimen liebt er Helena.
Helena hat ihrerseits nichts Besseres zu tun, als all seine Grausamkeiten zu entschuldigen, denn er will das alles ja gar nicht, und er hat es nicht leicht in seiner Position, zerrissen zwischen allen Fronten. (Und wahrscheinlich hatte er auch eine schwere Kindheit).
Genau diesen Cocktail finde ich nicht nur richtig übel, sondern auch nicht ganz ungefährlich.
Die Protagonistin wird in einer Tour gequält und gedemütigt, sie denkt eigentlich nur darüber nach, wie sie sich selbst umbringen könnte, damit die Geheimnisse nicht ans Tageslicht kommen. Von Anfang an gehts da heftig zur Sache (und nein, der Part mit den Vergewaltigungen kommt angeblich erst später), die Atmosphäre ist durchgängig trist, trübe, verzweifelt, hoffnungslos, depressiv. Wie sich da irgendwelche Zärtlichkeit oder gar eine Lovestory entwickeln kann, ist mir ein absolutes Rätsel, man sollte meinen, so sehr kann ein Stockholm-Syndrom doch gar nicht aus dem Ruder laufen.
Was mich aber am meisten wundert – und auch beunruhigt, ist die Tatsache, dass dieses Buch ein absoluter Renner ist und überall hoch gelobt wird.
Dark Romance richtet sich ja hauptsächlich an ein jüngeres, weibliches Lesepublikum, was hat diese Generation, die diesen Schmöker so toll findet, nur für eine Vorstellung von Liebe, Zärtlichkeit, Partnerschaft und gutem Sex?
Wenn erwachsene Frauen mit so etwas ihre Fantasien ausleben, kein Problem. Anders schaut es bei jungen, zum Teil auch sehr jungen Mädchen aus, die mit Beziehungen und allem, was damit zu tun hat, noch keinerlei Erfahrungen haben. Die Gefahr, dass auf diese Weise ein völlig verdrehtes Weltbild entsteht, ist nicht so ganz abwegig, weil auch die Fähigkeit, differenzieren zu können, sich erst mit der Zeit entwickelt.
Die Leseprobe habe ich nach etwa 2/3 gelöscht, und allen Göttern gedankt, dass sie mich vor einem katastrophalen Fehlkauf bewahrt hat.
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