• Shortstories

    Fortsetzung folgt?

    Die pure Verzweiflung: Eine Geschichte geistert durch den Kopf, will aufs Papier und plötzlich ist Funkstille. Die Hauptfigur schweigt, bewegt sich keinen Millimeter von der Stelle, will einfach nicht agieren. Um Streit zu vermeiden, ignoriere ich den weiteren Verlauf der Geschichte. Wer hat Lust, der Hauptfigur einen Schubs zu geben? Nur zu! Die Story wartet darauf, zu Ende erzählt zu werden. Hier ist der Anfang: Ein verlorener Kampf. Ohne Gräueltaten, ohne Opfer, ohne sichtbaren Schaden. Bis auf das kleine Loch. Dennoch weigere ich mich, den vermeintlichen Sieg des Gegners anzuerkennen. Ich kann und werde nichts dem Schicksal überlassen. Im letzten Jahr stand ich vor einem ähnlichen Problem. Bis zuletzt verteidigte…

  • Persönliches,  Shortstories

    Zettelwirtschaft

    Eine Kurzgeschichte zum Thema “Nichts” Immer wieder dasselbe. Daran ändern selbst die freien Tage kaum etwas. Die Regale gefüllt mit Staub, der Kühlschrank gefüllt mit einem Vakuum aus gähnender Leere, das Konto gefüllt mit einem dicken Minus. Zumindest gehöre ich zu den Glücklichen, die keine Sorgen durch Negativzinsen haben. Der Montagszettel wandert in den Papierkorb. Für morgen schreibe ich «Staubsaugen» auf. Ich streiche es. Die Blumen sind wichtiger. Die Küche ist unordentlich. Die Bügelwäsche stapelt sich. Also drei neue Zettel. Das muss für einen Dienstag reichen. Sonst habe ich ja nichts von meiner Freizeit. Ein viertes Stück Papier ist unerlässlich. «Wecker stellen» notiere ich darauf in deutlich geschriebenen Großbuchstaben. Täglich…

  • Shortstories

    Ich war verliebt

    Eine leblose Hülle. Ja, das bin ich. Mehr nicht. Momentan zweifeln die Leute in meiner Umgebung diese Tatsache an. Oder sie merken nichts. Einige Wenige wissen genau, was in mir vorgeht. Aber die geben es nicht zu. Ihre Erziehung verbietet es ihnen. Durch ihr Gesicht muss ich mich täglich aufs Neue quälen. Jede einzelne Pore wird mit einer hellen Masse verstopft. Ohne die Spachtelmasse würde sie niemals das Bad verlassen, selbst dann nicht, wenn das Haus abbrennen würde. Die aufgeblasenen Lippen werden in schrillen Farben angestrichen, in dem Irrglauben, damit von den olympischen Ringen unter ihren Augen ablenken zu können. Statt ihrer Augenbrauen befinden sich über ihren Augen geometrisch exakt…

  • Shortstories

    Heimat

    Mein Studium in Amerika ist beendet und ich befinde mich auf dem Rückflug nach Deutschland. Neben mir sitzt ein älterer Herr. Er ist sehr nett und wir kommen ins Gespräch.“Dann sind Sie jetzt auf dem Weg in die Heimat, junger Mann?”, fragt er abschließend.“Ja”, sage ich nickend. Heimat. Ich habe nie darüber nachgedacht, was das bedeutet. Wie es wohl ist, seine Heimat für immer zu verlassen? Freiwillig oder unfreiwillig? Findet man andernorts eine neue Heimat? Oder fühlt man sich zeitlebens fremd dort und sehnt sich nach der alten Heimat zurück? Und wie ist es, nach langer Zeit wieder an den Ort seiner Geburt zurückzukehren? Kann man an das Leben dort…

  • Shortstories

    Harriet lächelt

    Harold und Harriet waren ein ganz normales Ehepaar, wenn auch eines, das vom Glück besonders begünstigt zu sein schien. Sie hatten keinerlei finanzielle Sorgen, bewohnten ein schönes Haus und führten eine rundum harmonische Ehe.Zumindest waren all ihre Freunde und Bekannten dieser Meinung, die sie oft voller Bewunderung und manchmal auch mit ein wenig Neid darauf ansprachen: »Wie schafft ihr das nur, nie habt ihr irgendwelchen Streit?« »Wie kann man nur immer so glücklich sein? Es ist wundervoll, wie perfekt ihr zusammenpasst.«Harold lächelte dann jedes Mal voller Stolz, zwinkerte verschmitzt – und sagte nichts dazu. Auch Harriet enthielt sich jeglicher Kommentare, doch in ihrem Lächeln lag kein Stolz. Tatsächlich war es…

  • Persönliches,  Shortstories

    Rundenterror

    Sechs Uhr. Der Wecker klingelt.  Ich schleppe mich ins Bad, danach ins Wäschezimmer, suche eine gebügelte Bluse, rase durch den Hausflur, renne zurück, Autoschlüssel vergessen, knicke auf der Treppe um, Mist, nichts passiert, Glück gehabt. Ich hetze ins Büro.Spätestens beim Anblick meiner finsteren Mine weiß jeder Bescheid. Die Arbeitskollegen lassen mich in Ruhe. Selbst der Chef weiß, dass das an einem Mittwoch besser ist. Er profitiert sogar davon. Ich starte dann immer durch, bin zu einhundertdreißig Prozent mit meinem Gedanken bei der Arbeit, hoffe, mit geistigen Höchstleistungen jegliche Gedanken an den Feierabend aus meinem Hirn verdrängen zu können. Dreizehn Uhr.Mein kleines, weißes Auto parke ich im Hof. Am liebsten würde ich…