Shortstories

Fortsetzung folgt?

Die pure Verzweiflung: Eine Geschichte geistert durch den Kopf, will aufs Papier und plötzlich ist Funkstille. Die Hauptfigur schweigt, bewegt sich keinen Millimeter von der Stelle, will einfach nicht agieren.

Um Streit zu vermeiden, ignoriere ich den weiteren Verlauf der Geschichte.

Wer hat Lust, der Hauptfigur einen Schubs zu geben? Nur zu! Die Story wartet darauf, zu Ende erzählt zu werden. Hier ist der Anfang:

Ein verlorener Kampf. Ohne Gräueltaten, ohne Opfer, ohne sichtbaren Schaden. Bis auf das kleine Loch. Dennoch weigere ich mich, den vermeintlichen Sieg des Gegners anzuerkennen. Ich kann und werde nichts dem Schicksal überlassen.

Im letzten Jahr stand ich vor einem ähnlichen Problem. Bis zuletzt verteidigte ich verbissen ein kleines Stück Land, das mein Feind um keinen Preis aufgeben wollte. Gestern sah es aus, als hätte ich den Tyrannen bezwungen. Jetzt weiß ich es besser. Ein vorübergehender Waffenstillstand, offenbar seitens meines Rivalen ab sofort für beendet erklärt. Reine Provokation. Wenn es unbedingt sein muss, fahre ich schweres Geschütz auf. Elende Mistviecher … Das Schüppchen wird vermutlich nicht ausreichen. Am besten greife ich gleich zum Spaten. Nicht, dass ich es fertigbringen würde, eine Wühlmaus zu töten. Ich habe es ausschließlich auf ihren Lebensraum abgesehen, erträume mir einen lochfreien Rasen und ein bisschen Gemüse.

Wenige Minuten. Aus dem Loch wird ein Gang. Nur fünf Zentimeter unter der Erde, zehn, zwölf, etwas tiefer. Eine Kammer. Blumenzwiebeln. Meine! Angenagte Wurzeln. Mich wundert nichts mehr. Doch Aufgeben ist keine Option. Also weiter. Der Gang setzt sich fort. Die Schubkarre muss her. Den Spaten ersetze ich durch eine Schaufel. Ich buddele unermüdlich, stoße auf Hindernisse, kleinere Steine, dickere Brocken, Bauschutt von irgendwann, um dessen Entsorgung sich in den alten Tagen offenbar niemand Gedanken gemacht hat. Schweißperlen auf meiner Stirn, ein Erde-Gesteinsmix auf der Schaufel, Pflanzenreste und sandiger Schutt in der Schubkarre. Ladung um Ladung schaffe ich auf eine mittlerweile kleine Halde neben dem Komposthaufen.

Ich bin platt! Noch ein Loch. Mitten im Gang. Dran bleiben. Weitermachen. Von einer Maus lasse ich mich nicht erschüttern. Der Boden wird fester. Die Schaufel weicht dem Spaten. Ein klares Ziel vor Augen stoße ich mit aller Kraft zu. Etwas Hartes bremst den Buddeleifer schroff aus. Der Schlag hat gesessen. Die Muskeln in meiner Schulter reißen auseinander. Ich übertreibe mal wieder. Dennoch. Schmerzen ohne Ende. Zeit für eine Strategieänderung.

Nach einer kurzen Pause kommt das Schüppchen jetzt doch ins Spiel. Vorsichtig, wie bei der Ausgrabung altrömischer Relikte, lege ich eine Metallplatte frei. Glaube ich jedenfalls. Hier noch ein wenig, dort noch, Bürstchen holen, kehren. Fertig. Fürs Erste ist das Mäuschen vergessen.

Erschlagen von der Buddelei, genervt von dem kleinen Ärgernis, verstört von der Entdeckung, versuche ich, die freigelegte Falltür zu öffnen. Ich bin zu schlapp. Es muss irgendwie gehen. Es geht nicht. Es muss. Meine Neugierde setzt ungeahnte Kräfte frei. Ja. Nein. Mist. Doch. Nein. Ja. Geschafft!

Umgeben von feuchter Erde wage ich mich durch einen ungleichmäßig gezimmerten Holzrahmen, dicke Balken über mir, dünnere Querstreben links und rechts, ein abschüssiger Boden, ausgelegt mit verrotteten Holzplanken, die mit jedem meiner Schritte auseinanderbröseln. Der Ausbau ist niedrig. Gebückt stolpere ich auf steinigem Untergrund weiter in eine zunehmende Dunkelheit bis ich nichts mehr erkennen kann. Am besten kehre ich um. Aufpassen, nicht fallen, nirgendwo anstoßen, vor allem nicht mit dem Kopf. Wie lange bin ich schon unterwegs? Ich meine, mich nur wenige Meter vom Eingang entfernt zu haben. Wenn es wenigstens etwas heller wäre. Es wird doch niemand die Falltür verschlossen haben? Unfug. Draußen dämmert es bestimmt längst. Daher die Dunkelheit. Schließlich habe ich auf der Jagd nach dem unliebsamen Nager einige Zeit herumgewühlt. Außerdem habe ich nichts gehört. Und ich hätte etwas hören müssen, wenn … Atmet da jemand hinter mir? Trommelwirbel lassen meinen Brustkorb erbeben, das Herz steht kurz vor einem Infarkt, fliehe, befiehlt eine innere Stimme, bleib wo du bist, rühr dich keinen Millimeter, Gedanken wirbeln asynchron zum Herz, die Beine gehorchen einer anderen Aufforderung, nutze die Dunkelheit, renn los! Ein harter Schlag auf den Kopf. Die Klappe. Sie ist verschlossen.

Etwas Warmes berührt mich, huscht weg. Die Maus? Im Namen des Allmächtigen. Lass es die Maus gewesen sein.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit bleibt das Gartenmagazin heute unangetastet auf dem Nachttisch. Vollkommen verdreckt, mit pelzigen Zähnen und einer dicken Beule am Kopf liege ich im Bett, traue mich nicht mal, kurz zur Toilette zu gehen. Weder jetzt noch in den nächsten Stunden und ganz bestimmt nicht vor Morgengrauen. Wenn das da unten doch nicht die Maus war? Die Vorstellung, ich könnte erneut den Atem eines Unbekannten in meinem Nacken spüren, presst mich an die Matratze.

Im Dunkeln halte ich es nicht mehr aus. Bilde mir die wildesten Sachen ein, knipse die Nachttischlampe an, blättere doch im Gartenmagazin. Seite 20. Eine Kolumne zu einem Wühlmausproblem. Schluss. Weg damit. Licht aus. Schlafen.

Es geht nicht. Der Gang zur Toilette ist unvermeidbar. Sonst muss ich noch heute Nacht die Bettwäsche wechseln und die Matratze trocknen und dazu müsste ich ebenfalls aufstehen. Außerdem ist mein Verhalten vollkommen albern. Nur wegen dieser Maus in einem verborgenen Tunnel.

Toilette, Duschen, Zähne putzen. Fertig. Mit einer Taschenlampe bewaffnet finde ich zur alten Form zurück.

Vergessen ist meine anfängliche Angst. Ich leuchte den Boden ab. Schritt für Schritt nähere ich mich dem Loch. Es raschelt. Da ist sie, starrt mich mit großen Knopfaugen an, um prompt im Dunkeln zu verschwinden. Kein großer Akt. Wie Mäuse eben so sind. Der Gang, die Ausgrabungsstätte, eine verschlossene Falltür. Ich bin mir nahezu sicher, dass sie offen geblieben ist, als ich panikartig ins Haus gestürmt bin. Andererseits … Der Schlag auf den Kopf hat mir möglicherweise außer der Beule eine gestörte Wahrnehmung beschert. Wie dem auch sei. Ich werde der Sache auf den Grund gehen. Vorbei an den Erdhaufen meiner Buddelei, den Gängen, der Kammer. Mit äußerster Mühe gelingt es mir, die Tür anzuheben, um nach wenigen Metern den Ausbau zu betreten. Die gebückte Haltung macht mir zu schaffen, doch dieses Mal will ich vorankommen. Abwechselnd leuchte ich links, dann rechts, auf den Boden und geradeaus und passe dabei höllisch auf, nicht wieder mit dem Kopf anzuschlagen. Der Weg ist beschwerlich, mein Kreuz schmerzt, doch ich reiße mich zusammen. Lehmige Erde über mir. Pfützen auf dem schmalen Pfad. Weiter abwärts. Es wird steiniger, der Ausbau geräumiger, die Taschenlampe immer schwächer. Umkehren scheint die einzig sinnvolle Option zu sein. Zumindest heute Nacht. Morgen nehme ich Ersatzbatterien mit.

Das Geräusch kommt mir allzu bekannt vor. Gräbt da jemand?

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Ich bin 55 Jahre alt. Katzen-(dressur), Pferde, Motorräder, Musik, Garten, Australien ... meine Interessen sind vielseitig. Die Begeisterung für Sprache hatte sich schon im Vorschulalter eingestellt. Stolze Eltern, gute Noten in Deutsch und Englisch. Abitur, Lehre, Job - So weit, so gut. Und dann der Geburtstagswunsch meines langjährigen Partners und heutigen Ehemannes: Ein Buch! Sein Wunsch war mir Befehl. Seitdem höre ich auf meine Protagonisten ... Absurd, aber wahr.

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