Persönliches,  Shortstories

Rundenterror

Sechs Uhr.
 Der Wecker klingelt.  Ich schleppe mich ins Bad, danach ins Wäschezimmer, suche eine gebügelte Bluse, rase durch den Hausflur, renne zurück, Autoschlüssel vergessen, knicke auf der Treppe um, Mist, nichts passiert, Glück gehabt. Ich hetze ins Büro.
Spätestens beim Anblick meiner finsteren Mine weiß jeder Bescheid. Die Arbeitskollegen lassen mich in Ruhe. Selbst der Chef weiß, dass das an einem Mittwoch besser ist. Er profitiert sogar davon. Ich starte dann immer durch, bin zu einhundertdreißig Prozent mit meinem Gedanken bei der Arbeit, hoffe, mit geistigen Höchstleistungen jegliche Gedanken an den Feierabend aus meinem Hirn verdrängen zu können.

Dreizehn Uhr.
Mein kleines, weißes Auto parke ich im Hof. Am liebsten würde ich sitzen bleiben. Ich steige aus. Allmählich werde ich nervös. Noch wenige Stunden trennen mich von der Qual meines persönlichen Fegefeuers. Ich versuche, mich abzulenken, stöbere in Kochbüchern, die mich nicht interessieren, sehe mir Internetseiten in fremden Sprachen an, wühle in alten CDs herum.

Zwanzig Uhr.
Mich packt eine unbändige Lust zu putzen, aufzuräumen oder etwas Großartiges zu beginnen, das die ganze Nacht andauert und zwingend an einem Mittwoch erledigt werden muss.
Nur ein Traum.
Unzählige Male kontrolliere ich mein Portemonnaie. Ich fahre los. Ich sehne mich nach einem zwölfstündigen Arbeitsalltag, der es nicht zulässt, den Abend in dem kleinen Stammlokal zu verbringen.

Zwanzig Uhr zwanzig.

Die Lokalität, in der ich mich jahrelang wohl gefühlt hatte, ist mir fremd geworden. Der übliche Kreis ist bereits anwesend. Niemand beachtet mich. Es kommt mir vor, als sei ich noch nie hier gewesen. Mit den Themen, über die die Leute an der Theke reden, kann ich nichts anfangen. Schade eigentlich. Früher war ich mittendrin. Jetzt gehöre ich nicht mehr dazu.

Bettina starrt unentwegt in ihr Smartphone. Ihr Mann bestellt ein Bier nach dem anderen. Möglicherweise fühlt er sich ebenso überflüssig wie ich und verdünnt seinen Frust mit regem Alkoholkonsum. Dabei ist er sehr großzügig, da er jedes Mal auch die Anderen am Tisch bestens mit Getränken versorgt.

Silke lässt den Platz neben mir frei. Das hat sie sonst nie gemacht. Sie hatte immer dort gesessen. Ohne Ausnahme.

Zu meiner Linken befindet sich Christina. Sie hat nur um Sekunden die Zeit verpasst, sich einen anderen Barhocker zu suchen, der nun von Gesine belegt ist. Allerdings vermeidet sie so, mir in die Augen sehen zu müssen.

Berthold läuft mit. Er redet über nichtssagende Themen, um keinen Fehler zu machen. Seine Frau ist auf irgendeinem Seminar. Das ist ein Hobby von den beiden: Er geht auf Sitzungen, sie zu Seminaren, zu dem alleinigen Zweck, eben von diesen berichten zu können.

Als noch alles in Ordnung war, habe ich von meinem Wissensdrang erzählt. Ein schwieriges Unterfangen. Seit jeher ist es strikt verboten, mehr als einen Satz von sich zu geben. Gut für meinen Bildungsdurst. Im Laufe der Zeit lernt man, sich komprimiert auszudrücken. Wie dem auch sei: Die Anderen belächeln alle intellektuellen Aktivitäten, insbesondere Christina, die Sprachkenntnisse für kulturelle Krebsgeschwüre hält.

Zweiundzwanzig Uhr.

Freistoß für obszöne Witze, beliebt in der ganzen Runde, Lachzwang vorausgesetzt. Überhaupt ist alles Zwang, was in dem kleinen Lokal abläuft. Da kann man beim Fröhlich-Sein keine Ausnahme machen. Und auch nicht beim Alkoholkonsum. Ich mache kein Geheimnis daraus, gerne Gläser außerhalb des Spülbeckens zu leeren. Und geizig bin ich auch nicht. Schließlich habe ich gerade heute extra oft mein Portemonnaie kontrolliert. Wenn schon niemand mit mir redet, können wir wenigstens zusammen trinken. Die ältere Dame, die immer nahe am Eingang sitzt, nickt mir freundlich zu, wird aber von der illustren Gesellschaft mehr oder weniger höflich hinaus komplementiert. Es ist schließlich schon spät. Ich bin kurz abgelenkt und verpasse somit meine Chance auf eine Getränkespende für alle Anwesenden.

Zweiundzwanzig Uhr fünfzehn.

Wir stürzen uns in die Typologie des Dramas. Der Startschuss fällt, sämtliche Akteure folgen einem Aktionslauf, bei dem ich nicht mitkomme. Meine Bestellung für eine Lokalrunde wird ignoriert. Ich bin sicher zu leise. Der nächste Versuch scheitert an meinem ungünstigen Standort in einiger Entfernung zur Theke. Bettinas Mann hingegen ist immer noch vorteilhaft positioniert und kann somit durch einen sogenannten „Kurzen“ die Sympathien für sich gewinnen.

Zweiundzwanzig Uhr sechzehn.

Das Drama nimmt seinen Lauf. Hastige Blicke werden ausgetauscht, listig, argwöhnisch, die Augenmuskulatur bis zum Anschlag angespannt, die Hand an der Tasche, bereit unverzüglich nach dem Geld zu greifen, einen winzigen Moment früher als der Thekennachbar zu schreien: „Eine Runde für alle!“ Gleich darauf panisches Chaos. „Nein, ich! Ich bin dran!“

Zweiundzwanzig Uhr siebzehn.

Es gibt eine Liste, auf der genauestens festgehalten wird, wer wann was trinken möchte.

Zweiundzwanzig Uhr siebzehn und dreißig Sekunden.

Mir wird übel. Stimmen verschwimmen, Bilder verzerren. Der Klare steht noch vor mir. Jemand mault mich an: «Kipp weg!»

Sechs Uhr.

Der Wecker klingelt. Mein Schädel brummt. Ich schleppe mich ins Bad. Ich muss unbedingt etwas ändern. Den wöchentlichen Rundenterror ertrage ich nicht mehr.

Dreizehn Uhr.

Mein kleines, weißes Auto parke ich im Hof. Ich fasse einen bahnbrechenden Entschluss: Der nächste Mittwoch wird aus dem Kalender gestrichen. Punkt.

Bildquellen

  • Rundenterror: Bildrechte beim Autor

Ich bin 54 Jahre alt. Katzen-(dressur), Pferde, Motorräder, Musik, Garten, Australien ... meine Interessen sind vielseitig. Die Begeisterung für Sprache hatte sich schon im Vorschulalter eingestellt. Stolze Eltern, gute Noten in Deutsch und Englisch. Abitur, Lehre, Job - So weit, so gut. Und dann der Geburtstagswunsch meines langjährigen Partners und heutigen Ehemannes: Ein Buch! Sein Wunsch war mir Befehl. Seitdem höre ich auf meine Protagonisten ... Absurd, aber wahr.

One Comment

  • Thomas

    Eine schöne traurige Geschichte. Wenn es krampfig ist und keinen Spaß macht, dann sollte man lieber auf der Couch bleiben. Und wenn dann blöde Fragen kommen, kann man zur Not auch blöd antworten. Oder ehrlich, mir war einfach nicht danach.

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