Shortstories

Harriet lächelt

»Aber das ist doch nicht weiter schlimm, du liegst ja noch 490 Punkte im Plus«, wurde sie von Harold liebevoll getröstet. »Trotzdem müssen wir dringend an deiner körperlichen Koordination arbeiten und etwas gegen deine Nervosität unternehmen.«
Harriet nickte nur.
»Bevor ich es vergesse, ich habe noch etwas für dich.« Harold überreichte ihr eine Mappe mit diversen fein säuberlich bedruckten Seiten. »Darin findest du eine genaue Aufstellung, was alles mit wie viel Plus- bzw. Minuspunkten bewertet wird. Na, was sagst du dazu?«
Er schaute gespannt zu ihr herüber und Harriet beruhigte sich etwas. »Ich denke, damit kann ich mich anfreunden«, meinte sie dann. »Es ist schon praktisch, denn so weiß ich immer, wo ich stehe.«
»Du wirst die perfekte Ehefrau werden!« Harold gab ihr einen zärtlichen Kuß und beglückwünschte sich in Gedanken zu seiner ausgezeichneten Wahl. So war die Welt der beiden zunächst einmal in Ordnung.

Die folgenden Wochen verbrachte Harriet in erster Linie mit dem Auswendiglernen von Harolds Listen. Niemals hätte sie geahnt, was man in einem Haushalt alles falsch machen konnte, und noch immer war sie in vielem so ungeschickt, dass es Minuspunkte nur so hagelte.
Der Vorrat der Hochzeitspluspunkte war schnell aufgebraucht, und trotzdem sie auch einiges wieder gutmachen konnte, passierte es relativ bald, dass Harold sie bestrafen musste.
Nie würde sie diesen Abend vergessen, an dem sie zu ihrem Entsetzen 18 Punkte im Minus lag. Das bedeutete, heute würde es für sie keine neue Folge von ‚Kochen wie bei Königs‘ geben, eine Serie, die sie liebte. Doch sie sah ein, dass Harold vollkommen im Recht war, schließlich hatte sie es nicht besser verdient, wenn sie sich so dumm anstellte.
Andererseits war ihre Freude grenzenlos, als sie es kurz darauf auf 150 frische Pluspunkte brachte und diese voller Stolz in ein neues Kostüm von Chanel eintauschte.

Harriet lernte schnell und verstand es im Laufe der Jahre immer besser, alles zu vermeiden, was Harolds Missfallen erregte. So war sie zunächst vollkommen zufrieden mit ihrem geordneten und überschaubaren Dasein. Wie wundervoll hatten sie es doch, dass sie sich dank Harolds genialem Punktesystem niemals über irgendetwas streiten mussten, da ja alles genauestens geregelt war.

Eines schönen Tages passierte es dann. Harold war leicht angetrunken nach Hause gekommen, hatte im Wohnzimmer noch einen Schlummertrunk genommen und ihr, im Eifer seiner gestenreichen Art zu sprechen, den Inhalt seines Glases über das Kleid geschüttet.
Rotwein auf cremefarbener Rohseide macht sich selten gut, und trotz Harriets augenblicklicher Rettungsversuche war das edle Stück ruiniert. Sie war todunglücklich, schließlich hatte sie wochenlang ihre Punkte gespart, bis sie es sich erst gestern endlich hatte leisten können. Fünf Wochen und 200 Punkte für nichts, in einem einzigen Moment null und nichtig gemacht. Das war einfach nicht fair!

Sie nahm all ihren Mut zusammen, ging zurück ins Wohnzimmer und brachte ihr Anliegen zur Sprache. »Keine Chance, das Kleid ist hinüber, und ich hatte so lange darauf gespart.«
»Tut mir wirklich leid.« Harold lallte ein wenig. »Aber wenn du dir Mühe gibst, kriegst du ja schon bald wieder eins.«
»Meinst du nicht, dass ich sofort ein neues haben könnte? Schließlich konnte ich ja gar nichts dafür und ich finde, ich habe Ersatz verdient.«
»Sobald du die nötigen Punkte beisammen hast.« Harold war ein Mann von Prinzipien, aber bei Harriet war jetzt ein Limit erreicht.
»Wieso kriege eigentlich immer nur ich die Miesen? Für das verdorbene Kleid hättest du genauso Minuspunkte verdient!«
»Ich kriege ja auch keine Pluspunkte«, hielt Harold dagegen.
»Aber das ist nicht gerecht!« Harriet war wirklich aufgebracht und Harolds Augenbrauen wanderten diesmal noch über seinen Haaransatz hinaus. Schlagartig war er völlig nüchtern.
»Für das Beginnen einer Grundsatzdiskussion gibt es 110 Minuspunkte, meine Liebe. Das solltest du eigentlich wissen.« Er stand auf, ging zur Küche und gleich darauf hörte Harriet das charakteristische Geräusch von Kreide auf Schiefer. Es quietschte immer, wenn Harold auf die Tafel schrieb, doch irgendwie klang die rote Kreide anders als die grüne. Bösartiger und hämischer.

Harriet war einer Panik nahe. Sie hatte gerade noch ein Plus von 17 gehabt, ergo lag sie jetzt mit 93 im roten Bereich. 93 Minuspunkte, das hieß, sie würden am Wochenende nicht auf die Geburtstagsparty ihrer besten Freundin gehen, ein Ereignis, auf das sie sich schon seit Monaten freute.
Gerade mal zwei Tage waren es noch bis dahin, doch wie sollte sie in dieser kurzen Zeit 93 Minuspunkte wieder wettmachen?
Harold lehnte breit grinsend am Türrahmen, sich ihres Dilemmas nur zu genau bewusst. »Sieht schlecht aus fürs Wochenende«, meinte er. »Aber wenn du dich an Punkt 28 auf unserer Liste erinnerst, weißt du ja, wie du dir die Party retten kannst.«

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